Ankunft in Warschau. Nach eineinhalb Stunden Flug tauche ich
in meine Kindheit ein. Wir sind zwar nicht in der Region, in der ich
aufgewachsen bin, aber es gibt Dinge, die mich sofort in die Vergangenheit
katapultieren, z.B. die mit Rahm gefüllten Waffelröhrchen. Als ich in diese
Süßigkeit hineinbeiße, bin ich sieben Jahre alt. Ich trage weiße Kniestrümpfe,
Lackschuhe, ein luftiges Sommerkleidchen und meine Haare sind geflochten und
mit rot-weißen Schleifen geschmückt. Die Sorglosigkeit meiner Kindheit wird mir in diesem Moment bewusst
und ich bin von Dankbarkeit erfüllt, dass es mir im Kommunismus dank meiner
wundervollen Eltern an nichts gemangelt hatte.
Mit dem Geschmack der Kindheit
auf der Zunge setze ich mich mit der Judenverfolgung auseinander. Obwohl ich
die geschichtlichen Fakten kenne, habe ich eine Gänsehaut, als wir die
Überreste des Warschauer Ghettos mit dem Ehrendenkmal für die Helden des Warschauer Ghettos besuchen, wo Willy Brandt am 7.12.1970 seinen Kniefall machte. Ja, hier haben Helden
gewirkt. Viele von ihnen waren mir bis heute gar nicht bekannt, so auch Irena Sendler, nach der eine Straße in Warschau benannt ist. Die Sozialarbeiterin nutze ihre Position dazu, um für jüdische Kinder die Papiere zu fälschen und rettete so 2.500 Kindern das Leben. Diese schmuggelte sie betäubt aus dem Warschauer Ghetto und ersparte ihnen einen grausamen Tod.
Auch das Mahnmal der Treblinka-Abtransporte geht mir unter die Haut. Es reiht sich beinahe
unauffällig in das heutige, moderne Stadtbild ein. Von hier aus sind die Juden
nach Treblinka abtransportiert worden, um vergast zu werden. Ich frage mich, ob ein Tier ein
anderes vorsätzlich so grausam töten würde. Ich glaube nicht, dazu ist nur der
Mensch in der Lage. Ich bin zutiefst berührt, da es in meiner Familie beides
gibt, die deutsche und die polnische Seite. Es gibt Täter und Opfer. Aber vor
allem gibt es die Liebe meiner Eltern, die allen Hass, Kampf und Krieg
überwunden hat. Ich bin stolz darauf, das Produkt dieser unendlichen Liebe zu
sein.





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