Sonntag, 8. Juni 2014

Warszawa: Die zwei Pole, die ein Ganzes ergeben

Ankunft in Warschau. Nach eineinhalb Stunden Flug tauche ich in meine Kindheit ein. Wir sind zwar nicht in der Region, in der ich aufgewachsen bin, aber es gibt Dinge, die mich sofort in die Vergangenheit katapultieren, z.B. die mit Rahm gefüllten Waffelröhrchen. Als ich in diese Süßigkeit hineinbeiße, bin ich sieben Jahre alt. Ich trage weiße Kniestrümpfe, Lackschuhe, ein luftiges Sommerkleidchen und meine Haare sind geflochten und mit rot-weißen Schleifen geschmückt. Die Sorglosigkeit meiner Kindheit wird mir in diesem Moment bewusst und ich bin von Dankbarkeit erfüllt, dass es mir im Kommunismus dank meiner wundervollen Eltern an nichts gemangelt hatte. 
Mit dem Geschmack der Kindheit auf der Zunge setze ich mich mit der Judenverfolgung auseinander. Obwohl ich die geschichtlichen Fakten kenne, habe ich eine Gänsehaut, als wir die Überreste des Warschauer Ghettos mit dem Ehrendenkmal für die Helden des Warschauer Ghettos besuchen, wo Willy Brandt am 7.12.1970 seinen Kniefall machte. Ja, hier haben Helden gewirkt. Viele von ihnen waren mir bis heute gar nicht bekannt, so auch Irena Sendler, nach der eine Straße in Warschau benannt ist. Die Sozialarbeiterin nutze ihre Position dazu, um für jüdische Kinder die Papiere zu fälschen und rettete so 2.500 Kindern das Leben. Diese schmuggelte sie betäubt aus dem Warschauer Ghetto und ersparte ihnen einen grausamen Tod.
Auch das Mahnmal der Treblinka-Abtransporte geht mir unter die Haut. Es reiht sich beinahe unauffällig in das heutige, moderne Stadtbild ein. Von hier aus sind die Juden nach Treblinka abtransportiert worden, um vergast zu werden. Ich frage mich, ob ein Tier ein anderes vorsätzlich so grausam töten würde. Ich glaube nicht, dazu ist nur der Mensch in der Lage. Ich bin zutiefst berührt, da es in meiner Familie beides gibt, die deutsche und die polnische Seite. Es gibt Täter und Opfer. Aber vor allem gibt es die Liebe meiner Eltern, die allen Hass, Kampf und Krieg überwunden hat. Ich bin stolz darauf, das Produkt dieser unendlichen Liebe zu sein.













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