Wir haben ein kleines Hotel „Dom Muzyki“ neben der
Musikhochschule bezogen. Am Morgen frühstücken wir im Garten zur Klaviermusik
von Chopin. Welch' ein wunderbarer Start in den Tag! Danach bleibt es
musikalisch, denn wir besuchen den Danziger Vorort Oliwa, wo eine der größten Orgeln
Europas steht. Gefühlt hunderte von Bussen strömen zum Orgelkonzert. Auch viele
Schulklassen sind dabei, denn kurz vor den Sommerferien – sie fangen hier Ende Juni an –
sind alle Klassenarbeiten geschrieben und die polnischen Kinder machen mit ihren
Lehrern Ausflüge. Kultur und Bildung werden so - weg von der Schulbank - praktisch vermittelt. Das
Konzert geht mir unter die Haut, insbesondere die Toccata von Bach.
Anschließend fahren wir bei herrlichstem Sonnenschein ins
Ostseebad Sopot, wo das majestätische Grand Hotel den Geist des 19.
Jahrhunderts am Strand verbreitet. Ich stelle mir vor dieser Kulisse die Badenden aus Thomas Mann's "Tod in Venedig" vor, die in ihren keuschen Badeanzügen und Haarhauben vorsichtig ins
Wasser steigen.
Auf den Planken der Mole mit dem Möwengeschrei im Nacken
fühle ich wieder den Seemenschen in mir. Ich bewundere die Yachten und drehe in
meiner Fantasie eine Runde mit ihnen. Danach geht es über Gdynia nach Danzig
zurück, wo wir ein Restaurant besuchen, wo ich mir wieder mit unterschiedlich
gefüllten Teigtaschen, den Pierogi, den Bauch vollschlage. Dabei lerne ich eine
ältere Dame kennen, die als siebenjähriges Mädchen in einem U-Boot voller
Hitlerjungen von Polen zurück nach Deutschland flüchtete. Ich lausche ihren Erzählungen und tauche in eine sehr persönliche Version des zweiten Weltkriegs ein. Heute hat die Erzählerin schlohweißes
Haar, ihre Haut ist von Altersflecken und Runzeln übersät, aber ihre Augen
funkeln hellblau und ich kann an diesem Abend das siebenjährige Mädchen von damals darin
sehen.




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