Mittwoch, 11. Juni 2014

Dreistadt Gdansk, Gdynia und Sopot: Musik, Möwen und Mädchen

Wir haben ein kleines Hotel „Dom Muzyki“ neben der Musikhochschule bezogen. Am Morgen frühstücken wir im Garten zur Klaviermusik von Chopin. Welch' ein wunderbarer Start in den Tag! Danach bleibt es musikalisch, denn wir besuchen den Danziger Vorort Oliwa, wo eine der größten Orgeln Europas steht. Gefühlt hunderte von Bussen strömen zum Orgelkonzert. Auch viele Schulklassen sind dabei, denn kurz vor den Sommerferien – sie fangen hier Ende Juni an – sind alle Klassenarbeiten geschrieben und die polnischen Kinder machen mit ihren Lehrern Ausflüge. Kultur und Bildung werden so - weg von der Schulbank - praktisch vermittelt. Das Konzert geht mir unter die Haut, insbesondere die Toccata von Bach.
Anschließend fahren wir bei herrlichstem Sonnenschein ins Ostseebad Sopot, wo das majestätische Grand Hotel den Geist des 19. Jahrhunderts am Strand verbreitet. Ich stelle mir vor dieser Kulisse die Badenden aus Thomas Mann's "Tod in Venedig" vor, die in ihren keuschen Badeanzügen und Haarhauben vorsichtig ins Wasser steigen.

Auf den Planken der Mole mit dem Möwengeschrei im Nacken fühle ich wieder den Seemenschen in mir. Ich bewundere die Yachten und drehe in meiner Fantasie eine Runde mit ihnen. Danach geht es über Gdynia nach Danzig zurück, wo wir ein Restaurant besuchen, wo ich mir wieder mit unterschiedlich gefüllten Teigtaschen, den Pierogi, den Bauch vollschlage. Dabei lerne ich eine ältere Dame kennen, die als siebenjähriges Mädchen in einem U-Boot voller Hitlerjungen von Polen zurück nach Deutschland flüchtete. Ich lausche ihren Erzählungen und tauche in eine sehr persönliche Version des zweiten Weltkriegs ein. Heute hat die Erzählerin schlohweißes Haar, ihre Haut ist von Altersflecken und Runzeln übersät, aber ihre Augen funkeln hellblau und ich kann an diesem Abend das siebenjährige Mädchen von damals darin sehen.













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