Samstag, 14. Juni 2014

Mazury: Geborgen in der Natur und in der Familie


Heute erleben wir einen krönenden Abschluss unserer Polenreise im schönsten Landstrich Polens, allerdings bei herbstlichen Temperaturen. Am Morgen ziehe ich meine Sportleggings unter die lange Stoffhose an sowie sämtliche Pullis, Westen und zu guter Letzt die Windjacke. Bekanntlich gibt es kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Es geht wieder entlang der Mohnfelder zum Hafen von Mikolajki. Der kleine Ort lebt von den Touristen und den Seglern. Heute ist er wie leergefegt, sodass sich sogar Schwäne und Störche auf die Straße wagen. Papa nutzt die Gunst der Stunde und füttert zwei Störche. Lustiges gibt es auch auf der Uferpromenade zu sehen: Auf der geknickten Bank sollen sich Fremde näherkommen. Danach fahren wir Krutyn (dt. Krutinnen), in ein Dorf, das wegen seiner Kajaks berühmt ist. Jeder Einwohner kommt hier im Durchschnitt auf  10 Kajaks. Nach einem leckeren Essen bestehend aus Gurken- und Sauerampfersuppe sowie Zander in einem Landgasthof, nehmen Mama und ich an einer Stocherkahnfahrt teil. Das Universum sorgt dafür, dass es während der Bootsfahrt im Naturschutzgebiet nicht regnet.

Ich bin verzaubert von dieser einzigartigen Umgebung und fühle mich so, als ob ich live durch die Seerosenbilder von Monet fahren würde. Wie in seinen Bildern spiegeln sich auch hier die Bäume und Wolken im Wasser, dazwischen schwimmen Seerosen sowie Schwäne und Stockenten mit Nachwuchs. Solche putzigen Küken habe ich bisher noch nirgends gesehen. Hinzu kommt, dass jeder Kajakfahrer, der uns passiert, ein freundliches Wort oder einen frechen Spruch zuruft.

Nach dem Naturparadies besuchen wir das Dorf Wojnowo (Eckertsdorf), wo sich einst die russisch-orthodoxe Sekte der Altgläubigen niedergelassen hat. Wir bewundern die alten Ikonen sowie den Friedhof. Ich bin über die Vielfalt der Minderheiten in Polen erstaunt. Für mich gab es sie bis dato in dem katholischen Land nicht. Ich wusste bis heute auch nicht, dass die Tataren Muslime sind. Unsere Reiseleiterin Iwona hat ein Wissen wie eine Bibliothek und ich bin dankbar, dass ich davon profitieren kann. Dankbar bin ich auch, dass ich diese sehr persönliche Reise mit meinen Eltern machen durfte. So habe ich viel über mich und meine Herkunft erfahren und bin wieder um weitere Facetten reicher geworden. Dziekuje wam kochani, kocham was i ciesze sie na nastepne wycieczki!













Freitag, 13. Juni 2014

Wolfschanze: Von Mücken und Wölfen


Nach einem kurzen Spaziergang auf den Spuren der Kreuzritter verlassen wir heute Allenstein in Richtung Masurische Seenplatte und leider damit auch das gute Wetter. Wir passieren wunderschöne Dörfer, die eingebettet in Mohnfeldern liegen und sehen zahlreiche Storchennester. Bei einem Halt kaufen meine Eltern nach einer Löffelchenprobe frischen Imkerhonig. Unser Busfahrer Mirek sammelt uns wie gewohnt ein und lawiert uns aus den heikelsten Verkehrssituationen heraus.
Da das Freiluftmuseum „Wolfschanze“ auf dem Programm steht, bestelle ich beim Universum ein Regenloch, damit wir trockenen Fußes Hitlers Bunkeranlagen im Wald besichtigen können. Und tatsächlich: es klappt! Als wir dort ankommen, brechen sogar ein paar kleine Sonnenstrahlen durch. Wir haben eine hervorragende Reiseleiterin, die die bewachsenen Ruinen für Momente belebt, sodass ich den ganzen Kriegsschauplatz sehen kann, inklusive Hitler und Gefolge. Was veranlasst Menschen hinter 5-7 dicken Betonmauern zu leben, ohne Tageslicht und mit klitzekleiner Frischluftzufuhr? Die Ideologie, die Angst und der Wahn. Für mich ist die „Wolfschanze“ die „Wahnschanze“. Die Natur ist mit den gesprengten Bunkern mittlerweile verschmolzen und ich denke an den Tempel von Bayon, den ich kürzlich in Kambodscha besichtigt habe. Auch dort hat die Natur die Herrschaft über die Ruinen übernommen. Hier auf der Wolfschanze wächst also mittlerweile Gras über die Geschichte und passend dazu fahren russische Touristen mit Militärfahrzeugen durch den Wald. Einmal Krieg zum Nachspielen bitte. An Automaten kann man sich Gedenkmünzen ziehen. Das einzige, was damals und heute gleich geblieben ist, ist die Mückenplage. Ansonsten war das eine kleine getarnte Stadt mit Wohnbunkern, Kino, Gewächshäusern, Heizkraftwerken, sanitären Anlagen, Bahnlinien, etc. – der Spielplatz eines kranken Mannes, der täglich 30 Pillen schluckte.
Nach der Führung fahren wir auf dem Weg zum Hotel entlang der masurischen Seenplatte, zu der rund 3.000 (!) Seen zählen. An einer Drehbrücke machen wir Halt und beobachten gespannt, wie die Landratten mit den Seebären klar kommen. Die Brücke wird seitlich gekippt, sodass die Schiffe die Stelle passieren können. Da ich mich mehr den Planken verbunden fühle, nehme ich am stürmischen Seeufer in einem Liegestuhl Platz und verfasse diese Zeilen. Liebe Grüße an euch alle!














Donnerstag, 12. Juni 2014

Frombork und Oberlandkanal: Von Landratten und Seebären


Auch heute beginnt der Tag musikalisch, beim Frühstück wie beim ersten Halt im Dom zu Frauenburg. Auch hier war der Deutsche Orden aktiv und - wie so oft auf dieser Reise – sind auch hier die deutsche und polnische Geschichte ganz eng miteinander verknüpft. Herzstück des Doms ist eine großartige Orgel, aber das eigentliche Herzstück ist der Organist Arkadiusz Poplawski. Wie ein Pilot im Flugzeug sein Cockpit aktiviert, drückt der Meister unzählige Schalter im Bauch des schlummerndes Orgelwesens und erweckt es zum Leben. Die Walküre von Richard Wagner ertönt und geht uns durch Mark und Bein. Es folgt ein Feuerwerk an musikalischen Leckerbissen; u.a. der Bolero von Ravel und das Ave Maria von Schubert. Bei „Freude schöner Götterfunken“ fließen bei einigen die Tränen, sodass der Aufstieg zum Dom-Turm, der das Focault’sche Pendel birgt, für manche beschwerlich wird. Für mich lohnt er sich, denn von hier aus kann man bis nach Kaliningrad (Russland) blicken. Ich denke, dass ich auch mal Russland ausführlicher bereisen muss. Ich kenne nur Moskau und Umgebung.

Im Anschluss besuchen wir im Dom noch das Grab von Kopernikus und erfahren, dass er für damalige Verhältnisse steinalt geworden ist, nämlich 70 Jahre. Das letzte Portrait ließ er von sich mit 42 Jahren anfertigen, danach empfand er sich als Greis und wollte weder gezeichnet noch gemalt werden. Dank moderner Bildgebungsmethoden bekommen wir einen Eindruck davon, wie das eitle Genie aussah als es starb.

Kurz bevor wir den Dom verlassen, streichele ich noch ein lachendes Skelett mit der linken Hand. Der Legende nach werde ich also innerhalb von neuen Monaten auf meinen Traummann treffen und ihn heiraten.

Den Nachmittag verbringen wir auf dem Oberlandkanal – ein einzigartiges Naturreservat mit Kranichen, Störchen, Schwänen und Seerosen. Das Schaukeln des Bootes wiegt mich in meine Erinnerungen. Ich sehe mich als Siebenjährige aus Schilf Kränze flechten und vom Steg aus Fische angeln. Ich freue mich unbändig, wenn einer anbeißt. Die Lebenslust gepaart mit Neugier ist mir bis heute erhalten geblieben und sie sind auch der Antrieb für alles in meinem Leben. Danke Universum.














Mittwoch, 11. Juni 2014

Dreistadt Gdansk, Gdynia und Sopot: Musik, Möwen und Mädchen

Wir haben ein kleines Hotel „Dom Muzyki“ neben der Musikhochschule bezogen. Am Morgen frühstücken wir im Garten zur Klaviermusik von Chopin. Welch' ein wunderbarer Start in den Tag! Danach bleibt es musikalisch, denn wir besuchen den Danziger Vorort Oliwa, wo eine der größten Orgeln Europas steht. Gefühlt hunderte von Bussen strömen zum Orgelkonzert. Auch viele Schulklassen sind dabei, denn kurz vor den Sommerferien – sie fangen hier Ende Juni an – sind alle Klassenarbeiten geschrieben und die polnischen Kinder machen mit ihren Lehrern Ausflüge. Kultur und Bildung werden so - weg von der Schulbank - praktisch vermittelt. Das Konzert geht mir unter die Haut, insbesondere die Toccata von Bach.
Anschließend fahren wir bei herrlichstem Sonnenschein ins Ostseebad Sopot, wo das majestätische Grand Hotel den Geist des 19. Jahrhunderts am Strand verbreitet. Ich stelle mir vor dieser Kulisse die Badenden aus Thomas Mann's "Tod in Venedig" vor, die in ihren keuschen Badeanzügen und Haarhauben vorsichtig ins Wasser steigen.

Auf den Planken der Mole mit dem Möwengeschrei im Nacken fühle ich wieder den Seemenschen in mir. Ich bewundere die Yachten und drehe in meiner Fantasie eine Runde mit ihnen. Danach geht es über Gdynia nach Danzig zurück, wo wir ein Restaurant besuchen, wo ich mir wieder mit unterschiedlich gefüllten Teigtaschen, den Pierogi, den Bauch vollschlage. Dabei lerne ich eine ältere Dame kennen, die als siebenjähriges Mädchen in einem U-Boot voller Hitlerjungen von Polen zurück nach Deutschland flüchtete. Ich lausche ihren Erzählungen und tauche in eine sehr persönliche Version des zweiten Weltkriegs ein. Heute hat die Erzählerin schlohweißes Haar, ihre Haut ist von Altersflecken und Runzeln übersät, aber ihre Augen funkeln hellblau und ich kann an diesem Abend das siebenjährige Mädchen von damals darin sehen.













Dienstag, 10. Juni 2014

Malbork und Gnask: Von Hochmeistern und Widerstandskämpfern

Zum Frühstück esse ich heute polnische Pastete mit Zimtpflaumen und dazu etwas Gemüsesalat. Schon sehe ich vor meinem inneren Auge unsere große Speisekammer in Polen, die immer gut gefüllt war mit allerhand Leckereien. Ich sehe meine Mama mit meiner Oma am Herd stehen und im Sommer Obst für den Winter einkochen, denn frisches Obst hatten wir im Winter kaum. 
Nach dem Frühstück brechen wir nach Marienburg auf und ich tauche in eine Welt von Ordensrittern, Hochmeistern und pfiffigen Mönchen ein. Die Marienburg war von 1309 bis 1454 der Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens im Deutschordensstaat.  Sie erstreckt sich auf einem Gebiet von 3,5 Quadratkilometern und ist mit allerhand technischen Finessen versehen: mit einem Aufzug von der Küche bis zum Speisesaal, einer Fußbodenheizung und einer Toilette für die Ordensritter. Diese lebten im Zölibat, kämpften für ihren Glauben, bildeten v.a. das Zentrum für Kultur und Wissenschaft. Ferner wussten sie gut zu leben: sie hatten eine warme Stube und eine reichhaltige Speisekarte mit den verschiedensten Fleisch- und Wurstwaren sowie Käse, ferner Früchte, Beeren, Pilze sowie Bier und Wein. Auch hier bevölkern die Schulklassen die Ausflugsziele und das ist gut so.
Nach der Reise in das Mittelalter fahren wir weiter nach Danzig, wo wir eine Stadtführung machen. Auf den ersten Blick versprüht die Stadt Leichtigkeit und Charme. Die Gassen erstrahlen im Sonnenlicht und wir nehmen einfach die verschiedenen Stimmungen der Handwerker, Geistlichen und Besucher auf. 
An der Lenin-Werft im Danziger Hafen erwartet und uns ein völlig anderes Kapitel der polnischen Geschichte: Lech Walesa und die Solidarnosc-Bewegung, die zum Niedergang des Kommunismus führten. Wie ein Mahnmal ragen die riesigen Kräne der Danziger Werft in den Himmel und erinnern an die Kraft, die einst von diesem magischen Ort über ganz Polen bis nach Europa schwappte und allen Polen ein Leben in Freiheit ermöglichte. 
Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie schon 1977 ihre Heimat verlassen haben und mein Bruder und ich den Kriegszustand nicht miterleben mussten. Auch unsere Eltern hatten als Flüchtlinge Mut, Kraft und eine Vision davon, wie ein Leben in Freiheit aussehen sollte. Ihre ganz persönliche Solidarnosc-Bewegung ermöglichte uns Kindern Freiheit, Weltoffenheit und Empathie für andere Völker. Danke.